Brent-Kurve wird steiler, da Prompt-Kontrakte auf knappes physisches Rohöl steigen
Prompt-Kontrakte auf Brent und WTI steigen um über 2–3 % bei einer steil backwardierten Kurve, gestützt durch SPR-Abgaben und sich verknappende Lagerbestände. Kurzfristiger Ausblick bleibt bullisch.
Preise & Kurvenstruktur
Der Brent-Komplex wird in einer ausgeprägten Backwardation gehandelt. Der Frontmonat Oktober 2026 schloss bei 91,05 USD/bbl (≈ 83 EUR/bbl), ein Plus von 2,53 USD bzw. 2,78 % am 17. August. Die Kurve fällt danach nahezu monoton auf etwa 65–68 USD/bbl (≈ 59–62 EUR/bbl) bis Anfang 2030 und stabilisiert sich bis 2035 bei rund 55–60 USD/bbl (≈ 50–55 EUR/bbl).
WTI spiegelt dieses Muster wider, mit September 2026 bei 84,50 USD/bbl (≈ 77 EUR/bbl), ein Plus von 2,49 %, und einer ähnlich abwärts gerichteten Neigung in den mittleren 50er-Bereich bis Mitte der 2030er. ICE Low-Sulphur-Gasoil (Diesel) zeigt eine noch stärkere Stärke am Promptende: Der September-2026-Kontrakt schloss bei 1297 USD/t (≈ 1185 EUR/t), ein Plus von 4,18 %, was die Knappheit bei Mitteldestillaten und starke Raffineriemargen am vorderen Ende hervorhebt.
(FX-Annahme: 1 USD ≈ 0,91 EUR.)
Angebot, Nachfrage & Lagerbestände
Aktuelle EIA-Daten und Markteinschätzungen deuten auf eine anhaltende Verengung der globalen Rohölbilanzen hin. Die kommerziellen US-Rohölbestände sind seit dem Frühjahr tendenziell rückläufig, mit mehreren wöchentlichen Abgängen und nur vereinzelten kleinen Aufbauten. Mehrere EIA-Wochen im Juli wiesen deutliche Rohölabgänge aus, darunter eine Woche mit einem gesamten Rohölrückgang (kommerziell plus SPR) von rund 11 Mio. Barrel, was auf hohe Raffinerieauslastungen und ein begrenztes Angebot hinweist.
Gleichzeitig bleiben die Destillatvorräte trotz einiger wöchentlicher Aufbauten strukturell niedrig im Vergleich zum Fünfjahresdurchschnitt, wodurch Diesel-Cracks erhöht bleiben. Frühere Sommerdaten zeigten, dass Destillatlager etwa 10–11 % unter der Fünfjahresnorm lagen. Dies spiegelt sich direkt in der ausgeprägten Backwardation und den stärkeren prozentualen Gewinnen bei ICE Gasoil im Vergleich zu Rohöl wider.
Auf der politischen Seite sinkt die US-SPR weiter. Die jüngste Aktualisierung für die Woche bis zum 7. August zeigt SPR-Bestände von rund 299 Mio. Barrel nach einem wöchentlichen Abzug von 6,1 Mio. Barrel, mit einem höheren Anteil von Süßrohöl in der Abgabemischung. Diese anhaltende Nutzung strategischer Reserven stützt zwar die Verfügbarkeit am Promptende, verringert jedoch die Puffer im mittleren Zeithorizont und fügt der Vorderseite der Kurve Risikoaufschläge hinzu, da geopolitische Spannungen und Schifffahrtsstörungen (z. B. Rotes Meer/Bab al-Mandab) im Hintergrund fortbestehen.
Kurvensignale & Fundamentaldaten
Die reinen Futures-Daten zeigen eine klassische Bullenmarktstruktur. Der Spread zwischen Brent Okt-26 und Dez-28 liegt bei etwa 17 USD/bbl (≈ 15 EUR/bbl) und begünstigt Lagerabbau, während er die schwimmende Lagerung unattraktiv macht. Die starke nahefristige Dieselpreisbildung verstärkt diesen Effekt, da Raffinerien hohe Margen erzielen, indem sie mit hoher Auslastung zur Deckung der hochwertigen Mitteldestillatnachfrage fahren, insbesondere im Transport- und Industriesektor.
Weiter entlang der Kurve flachen sowohl Brent- als auch WTI-Kurven bis Mitte der 2030er Jahre in den mittleren 50er- bis niedrigen 60er-USD-Bereich ab, was signalisiert, dass der Markt langfristig mit Angebotswachstum und der Energiewende rechnet, die die Preise begrenzen. Kurzfristig sorgt jedoch die Kombination aus fortschreitender SPR-Erosion, unterdurchschnittlichen Lagerbeständen und robuster Produktnachfrage dafür, dass die Vorderseite der Kurve gut unterstützt bleibt.
Kurzfristiger Ausblick & Trading-Implikationen
- Tendenz: bullisch vorne, seitwärts/seitwärts-begrenzt hinten – Mit Prompt-Brent über 80 EUR/bbl und sich steiler entwickelnder Backwardation bleibt die kurzfristige Tendenz eher aufwärtsgerichtet oder zumindest seitwärts auf erhöhtem Niveau, während weiter terminierte Kontrakte voraussichtlich durch makroökonomische Faktoren und langfristige Angebotserwartungen begrenzt bleiben.
- Roll- und Spread-Strategien – Die tiefe Backwardation begünstigt Roll-Yield-Strategien (short deferred/long nearby) und unterstützt vorsichtig Long-Positionen in Diesel gegenüber Rohöl-Spreads, angesichts der anhaltenden Knappheit bei Mitteldestillaten.
- Risikomanagement – Verbraucher sollten erwägen, Absicherungen bei Rücksetzern in den vorderen 6–12 Monaten staffelweise aufzubauen, während Produzenten den Fokus auf Forward-Verkäufe im relativ höheren Abschnitt der Kurve 2027–2029 legen können, bevor diese sich weiter an die langfristigen Erwartungen annähert.
3-Tages-Richtungsausblick (EUR)
- ICE Brent Oct 2026: Wahrscheinlich Konsolidierung in einer hohen Spanne um 82–85 €/bbl, mit Intraday-Volatilität getrieben von Lagerdaten-Schlagzeilen und geopolitischen Entwicklungen.
- NYMEX WTI Sep 2026: Erwartet wird eine Entwicklung im Gleichschritt mit Brent, etwa 6–7 €/bbl darunter, womit der übliche transatlantische Spread gewahrt bleibt.
- ICE Gasoil Sep 2026: Tendenz bleibt kurzfristig moderat aufwärtsgerichtet (≈ 1160–1200 €/t), da Destillatbilanzen angespannt bleiben und Raffineriemargen attraktiv sind.